Patient 1

Matt S. Bakausky
Matt S. Bakausky

Tag Eins.
Entfernte Erinnerungen daran, von einem Auto angefahren worden zu sein. Ich erwache in einer Klinik. Mir geht es dreckig, ich kann mich kaum bewegen. Die Ärzte sagen, dass ich Therapie benötige, bis ich wieder der Alte bin. Eine Krankenschwester näht meine Wunden.

Tag Zwei.
Ich habe Arbeitstherapie in einem Imbiss. Kenne mich überhaupt nicht aus. Harry, mein einziger Kunde, erklärt mir, welchen Schalter ich drücken muss. Nach einem Klick beginnt der Automat das Essen zuzubereiten. Ein Döner soll es sein, es ist jedoch eher eine kleine Portion aus Brei aus dem 3D Drucker. Ich übergebe das Essen an Harry und er sagt "Danke Harry".

Tag Drei.
Kunsttherapie ist angesagt. Wir arbeiten mit einem Gerät, welches aus Flüssigkeit besteht, in dem Nanoroboter die Gedanken realisieren, wenn man seinen Finger hineinsteckt. Ich stecke meinen Finger in die Flüssigkeit und es entstehen Bilder von Comic Figuren, wie die Rins oder Hubert und Luise. Die Kunsttherapeutin schüttelt nur den Kopf und meint, dass meine Werke sehr naiv und unbrauchbar wären. Bei einem letzten Motiv gelingt mir dann doch etwas. Ich stecke den Finger in die Flüssigkeit und es nimmt Gestalt an. Die Kunsttherapeutin fragt, ob ich das Werk wirklich fixieren will, bei meinem Talent sei das doch Verschwendung. Ich nicke und sage kleinlaut "Ja". Sie fixiert das Kunstwerk auf einer runden Scheibe. Ich nehme es an mich. Ein Mitpatient begutachtet die eine Seite und sagt stolz: "Das bin ja ich". Ich verlasse den Kunsttherapieraum mit der Gruppe von Patienten. Jeder sieht sich selbst in meinem Kunstwerk. Ich drehe die Scheibe um und betrachte die andere Seite meines Werks. Die Patienten kommentieren, dass man mich ja gar nicht auf dem Werk sieht. Nach meiner Betrachtung sehe ich auf dem Kunstwerk einen anderen Menschen. Jemanden mit Wunden im Gesicht und an den Beinen. Im Fuß hat die Person eine Schere stecken. Ein kurzer Flashback, eine Erinnerung an den Unfall. Wie aus einem Laster Scheren fielen und mich trafen. Schaue ich ohne das Kunstwerk auf meinen Fuß, ist dieser gesund. Ich greife nach der Schere und entferne sie. Ich komme wieder zu Kräften.

Tag Vier.
Heute gehe ich in der Klinik spazieren. Ich treffe einen Patienten mit einem Äffchen. Er erzählt mir, dass das ein Orakel sei. Ich soll ihn in die Hand nehmen und er wird mir die Wahrheit erzählen, so der Patient. Und schon drückt er mir das Äffchen in die Hand. Ich höre das Tier sagen: Du magst Geschichten von Walter Blau. Der Name kommt mir bekannt vor. Hier in der Klinik bin ich als Patient 1 bekannt, jedoch erinnere ich mich nun, dass ich Walter Blau bin. Ein Schriftsteller. Es ist die Person, die ich auf der Rückseite meines Kunstwerks gesehen habe. Ich gebe den Affen zurück. Der Patient lächelt fröhlich.

Tag Fünf.
Ich plane die Flucht. Laufe zum Ausgang der Klinik. Seitdem ich die Schere aus dem Fuß im Spiegelkunstwerk entfernt habe, bin ich richtig flink. Vor der Treppe zum Erdgeschoss werde ich von Ärzten aufgehalten. Sie sagen, dass ich wohl zu hohen Blutdruck hätte - so schnell wie ich unterwegs bin - und geben mir eine Spritze. Ich betrachte meine Füße im Spiegel des Kunstwerks und sehe, dass mir Ketten angelegt sind, die meine Bewegungen verlangsamen. Mir wird schwarz vor Augen.

Tag Sechs.
Ich wache im Bett in meinem Zimmer auf. Ich suche mein Nanokunstwerk, doch es ist weg. Eine Schwester kommt rein und bringt mir eine Zeitung. Die Dingser Nachrichten. Dort erfahre ich mehr über den Ort, in dem ich mich befinde. Ich bin in einer Stadt namens "Dings". Irgendetwas stimmt hier doch gewaltig nicht. Ich werde erneut versuchen zu flüchten.

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Patient eins
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