Der begehbare Adventskalender

Matt S. Bakausky
Matt S. Bakausky

Es war einer dieser begehbaren Adventskalender wie ihn sich die reichen Schriftsteller in den 30ern gebaut hatten. Meine letzte Urgroßmutter war verstorben und ich hatte ihn kurz vor dem 1. Dezember geerbt. Auf dem Foto sah es ganz schön gruselig aus, dieses heruntergekommene Haus in einem Wald in Schottland.
Meine Urgroßmutter war verheiratet mit Lord Wilhelm Bakausky, der in jungen Jahren mit der Geschichte „King Santa Claus“ weltberühmt wurde und von den Tantiemen ein Vermögen anhäufte.
Und nun war ich also aus dem verregneten Deutschland nach Schottland gereist, um mein Erbe zu begutachten. Die Rechte an „King Santa Claus“ hatte meine bedürftige Schwester geerbt, das herrschaftliche Anwesen, welches an dem begehbaren Adventskalender angrenzte, gehörte nun dem treuen Butler meiner Urgroßmutter. Er hatte mich eingeladen die weihnachtliche Zeit bei ihm zu verbringen - unter der Bedingung, dass er gemeinsam mit mir an jedem Dezembertag bis Heiligabend die Räume des Adventskalenders betreten durfte. Er selbst hatte bisher während seiner fast 50-jährigen Dienstzeit nur meine Urgroßmutter bis an das Haus begleiten dürfen. In den letzten vier Jahren auch das nicht mehr, da meine Urgroßmutter bettlägerig war.
Am kleinen Bahnhof in einem schottischen Dorf, welches ich aus bald verständlichen Gründen in diesem Bericht nicht benennen möchte, wartete schon eine Kutsche auf mich. Der Kutscher war während der Fahrt schweigsam und ich machte mir bereits Gedanken was mich hinter der ersten Tür erwarten würde. Morgen früh wäre es schon soweit - der erste Dezember. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, was mich erwarten würde. Die Neugierde hatte mich in dieses Abenteuer geschickt. Der Butler John begrüßte mich herzlich auf Deutsch mit schottischen Akzent - er sagte, dass habe er für Lilly, meiner Urgroßmutter gelernt.
Nach einem festlichen Abendessen mit jeder Menge teuren Wein, zeigte mir der Butler mein Schlafgemach. Während der Nacht hatte ich einen bizarren Traum. Mir begegnete mein Urgroßvater Wilhelm Bakausky und warnte mich davor, den Adventskalender zu betreten. Als die große Wanduhr meines Zimmers fünf Uhr zeigte, weckte mich bereits John, denn er wollte möglichst bald das erste Tor des Adventskalenders öffnen.
Wir machten uns zu Fuß auf den Weg durch den Wald. John erzählte mir von meiner Urgroßmutter, dass sie immer gut zu ihm gewesen sei. Ich war gedanklich bereits bei dem begehbaren Adventskalender und fragte ihn, was er vermute, was hinter der ersten Tür steckte. Er meinte, dass die Zimmer des Adventskalenders wahrscheinlich sehr schön ausgeschmückt seien und das vielleicht Kunstwerke von großen Künstlern in den Zimmern steckten, die man sich als wohlhabender Mensch leisten konnte und zu etwas besonderen machen würde, dadurch dass man sie nur einmal im Jahr sehen kann. Später würden wir erfahren, dass sich tatsächlich eine Kunst hinter dem Türchen versteckte, aber nicht die erwarteten Gemälde oder Bildhauereien.
Am Haus angekommen fand ich es noch gruseliger als auf dem Foto mit all dem Nebelschwaden über den Bäumen... „Bereit?“ fragte mich John. Und ich nickte.
Wir gingen also durch die große Eingangstüre, die krächzte. Das innere des Hauses war beeindruckend. Ein gigantischer Kronleuchter hing in der Eingangshalle und eine Treppe aus Marmor führte in die vier oberen Stockwerke. Mit dem Öffnen der Tür war wohl auch die Beleuchtung angegangen und wir gingen auf die Suche nach der ersten Tür des Adventskalenders. Die Türen waren mit goldenen Ziffern beschriftet, wir liefen vorbei an Tür vier, sechs und neun, um dann am Ende des Gangs im Erdgeschoss Tür eins vorzufinden. Ich fragte John: „Sollen wir reingehen?“ und er öffnete die Tür. Auch hier ging mit dem Öffnen der Tür die Beleuchtung an. Ich betrat mit John den Raum und betrachtete das Innere. Als wir im Raum waren schloß sich die Türe. In der Mitte des Raumes stand ein Diwan gerichtet auf die der Tür gegenüberliegende Wand. An den Wänden waren detaillierte Gemälde mit Szenen aus der Geschichte „King Santa Claus“ zu sehen. In der Mitte der Wände war jeweils ein rot-goldenes Pentagramm. Die Atmosphäre war königlich, hatte jedoch auch etwas magisches an sich. „Und jetzt?“ fragte ich John. „Nehmen wir auf dem Diwan Platz, so wie es deine Großmutter Lilly wahrscheinlich jedes Jahr tat“. Also setzten wir uns und kurz darauf verdunkelte sich der Raum und die rot-goldenen Pentagramme begannen zu leuchten – es loderte Feuer hinter ihnen. Eine dumpfe, tiefe kratzige Stimme begann zu sprechen. „Ich rufe dich König Santa Claus“ wiederholte sie mehrmals. „Ich rufe dich König Santa Claus, der mächtigste aller Könige, in Namen Saraels, im Namen Hurassaels, im Namen Schamaels und im Namen Katanaels“ fuhr die Stimme fort. Es hörte sich an, als würde sie von einem Grammophon abgespielt werden. Das Feuer hinter den Pentagrammen ging aus und wir saßen im Dunkeln. Es ertönte ein leises Lachen und dann gingen die Lichter wieder an. „Was war denn das?“ fragte ich John. „Ich glaube wir lüften gerade ein Familiengeheimnis“, sagte John.
Die Tür des Raumes öffnete sich und ich verließ mit John den Raum ratlos.
Auf dem Weg zurück zum Anwesen meiner Ur-Großmutter durch den Wald unterhielten wir uns. „Wie war mein Ur-Großvater eigentlich?“ fragte ich John. „Er war meist schweigsam und wenn er etwas sagte, dann mit großer Autorität“, antwortete er. „Glaubst du er beschäftigte sich mit Okkultismus?“ - „Nachdem was ich im ersten Raum gesehen habe, halte ich es für sehr wahrscheinlich.“ Ich machte mir Gedanken in was ich da wohl rein geraten war. Das erste Türchen, der erste Raum, war schon etwas gruselig, was würde uns morgen hinter der zweiten Türe erwarten?
Am nächsten Tag wachte ich gegen Mittag auf, John hatte mich nicht geweckt. Ich ging durch das Haus, um ihn zu suchen. Trotz einer gründlichen Suche konnte ich ihn nicht finden.
Ich beschloss alleine den begehbaren Adventskalender aufzusuchen, um die zweite Tür zu öffnen. Etwas mulmig war mir dabei schon. Wer war dieser König Santa Claus wirklich? War er ein böser Geist, den mein Ur-Großvater beschwört hatte um sich diesen Reichtum und die Berühmtheit zu ermöglichen?
Draußen war Schnee gefallen. Ich ging durch den stillen Wald zum Haus des Advents. Ich öffnete die Tür, die selbe Prozedur wie gestern: Das Licht im Haus ging an und ich suchte nach der zweiten Tür. Sicherheitshalber testete ich nochmal die erste Tür, sie war jedoch nun verschlossen. Im ersten Stockwerk fand ich die zweite Tür nicht, aber im zweiten Stock gab es sie mit goldener Schrift geschrieben stand darauf 2. Ich öffnete die Tür und betrat den Raum. Die Tür verschloss sich wie von Geisterhand oder besser gesagt mechanisch als ich den Raum betrat. Es erklang Beethovens für Elise im Hintergrund. In der Raummitte stand ein Brunnen mit fließendem Wasser und einem wasserspeienden Engel. Die Wände waren mit Szenen aus dem alten Testament bemalt – da war Moses mit den zehn Geboten, da Adam und Eva mit Feigenblatt im Paradies. Es gab noch weitere Szenen, welche ich nicht direkt als aus der Bibel stammend zuordnen konnte. Kurz darauf wurde das Licht heller und eine Stimme sprach: „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit.“ Das wiederholte sich noch ein paar Mal. Dann verfärbte sich das Licht langsam in ein orangefarbenes, das Wasser des Brunnens verfärbte sich rot und die Stimme sagte: „Das ist mein Blut, trink mich“. Ich war mir sicher, dass ich diese Flüssigkeit nicht trinken würde. Doch die Stimme wiederholte. „Trink mich“. Ich ging zur Tür, versuchte sie zu öffnen, sie war jedoch verschlossen. „Trink mich“ sagte die Stimme erneut. Ich war etwas verzweifelt – vielleicht hätte ich den Kalender nicht ohne John betreten sollen. „Trink mich“ ertönte es erneut. So ging es die nächste halbe Stunde weiter. Ich klopfte aus Verzweiflung an der Tür, versuchte sie einzutreten, doch es half nicht.
Weiterhin sprudelte fröhlich die rote Flüssigkeit aus dem Engel.
Ich dachte daran, dass meine Ur-Großmutter diesen Kalender gerne besuchte und riskierte es. Ich hielt meine Hände unter den Brunnen, roch an der roten Flüssigkeit – sie hatte eine süßlichen Geruch und entschloss mich zu trinken. Mir wurde etwas schummrig zu Mute, als hätte ich ein paar Bier intus und das Licht wurde wieder hell. Mit einem Knarren öffnete sich die Tür.
Leicht schwankend verließ ich den Raum. Ich fühlte mich betrunken und sehr erschöpft. Ich lief durch den Wald zurück zum Anwesen. Dort angekommen gab es immer noch keine Spur von John. Was ihm wohl widerfahren waren? Ich konnte mich im Moment nicht darum kümmern, hatte ich doch das vielleicht giftige rote Wasser getrunken... Andererseits, giftig wird es schon nicht sein, dachte ich mir – meine Urgroßmutter muss auch davon getrunken haben und sie wurde sehr alt.
Ich legte mich also in mein Schlafgemach und schlief sehr bald ein.
Im Traum begegnete mir wieder mein Ur-Großvater Lord Wilhelm Bakausky. Er warnte mich erneut vor dem Adventskalender und riet mir Schottland so schnell wie möglich zu verlassen. In seiner Stimme konnte man Angst hören und er drehte sich ständig um, als würde er erwarten, dass ihn gleich jemand einholt. Dann kam tatsächlich jemand: Reitend auf einem Rentier kam König Santa Claus und schlug meinen Ur-Großvater mit einer Peitsche. Dieser verstummte darauf und ich wachte auf.
Es war drei Uhr morgens. Ich konnte nach diesem seltsamen Traum nicht mehr schlafen. Mir war bewusst dass ich den Adventskalender nicht mehr ohne jemand anderen betreten würde. Alleine würde ich das nicht packen. Aber John war immer noch verschwunden.
Vielleicht hatte er auch einen Traum gehabt und ist in Panik abgehauen?
Ich konnte es nicht wissen, sah das aber als Zeichen und packte meinen Koffer.
Das alte Anwesen meiner Ur-Großmutter hatte weder Telefon, noch konnte ich das WLAN-Passwort erfragen. Also machte ich mich zu Fuß auf dem Weg zum Bahnhof.
Ich wollte nicht wissen was hinter der dritten Türe steckte. Ich wollte nur noch nach Hause.
Als ich in der Wartehalle des Bahnhofs saß und auf den nächsten Zug wartete, nickte ich kurz ein.
Plötzlich war ich wieder im begehbaren Adventskalender. Ich lief das Haus ab auf der Suche nach dem 3. Türchen. Ich hörte eine Stimme rufen: „Komm zu mir, komm zu mir“. Ich folgte der Stimme und fand die dritte Türe vor mit goldener Schrift: 3. Ich betrat den Raum und das Licht ging diesmal nicht an. Ich stand in der Dunkelheit, als sich die Türe wieder mechanisch verschloss. Ein Schwarzweißfilm wurde auf die Wand gegenüber der ersten Türe projiziert. Ich sah Szenen aus „King Santa Claus“, dem Werk das meinem Ur-Großvater reich und berühmt gemacht hatte. In einer Szene sah ich John, den Butler. Er winkte mir zu, verängstigt. Ich trat näher an die Leinwand. Ja, da war John im Film und er sah nicht glücklich darüber aus. Er lief auf die Kamera zu und dann kam „King Santa Claus“ und peitschte ihn aus. Der Film ging aus und die Tür öffnete sich.
Ich verließ den begehbaren Adventskalender. Mir war klar, dass es kein Entkommen mehr gab. Ich ging zurück zum Anwesen. Mein Schicksal war besiegelt, ich würde wohl die restlichen 21 Räume begutachten müssen. Der begehbare Adventskalender war sichtlich verzaubert. Ich hatte keine Wahl, als meinem Schicksal zu folgen.
An dieser Stelle enden die Aufzeichnungen.

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