Ich wurde mit Karottensaft groß gezogen. Mein ganzes Leben war darauf ausgelegt, der beste meiner Art zu werden. Den Schreibzwang entwickelte ich mit sechs Jahren – seitdem protokolliere ich immer alles. Mein Vater war der beste Psychiater der Welt. So kam ich früh in eine Einrichtung für die Förderung von psychisch labilen Kindern. Meine Mutter war die beste Manipulatorin überhaupt. Meine Eltern waren höchst erfreut, als sie erfuhren, dass ich meine erste Panik-Attacke hatte.

Papa kam höchstpersönlich und behandelte mich innerhalb von wenigen Minuten mit seiner Atem-Projektions-Technik. Ich versuchte mein Bestes, die Panik-Attacken aufrechtzuerhalten, doch sie kamen nicht wieder. Kopf hoch, sagte Mama, das wird schon noch.

Die erste Depression im Alter von zehn Jahren wollte mein Vater auch behandeln. Doch Mutter hielt ihn noch zurück, da sie davon ausging, dass dieser Misserfolg mein Selbstbewusstsein schaden würde. Nach meinem ersten Suizidversuch schritten sie dann doch ein – diesmal war ich besser vorbereitet der Behandlung entgegenzuwirken. In den Akten wurde nun etwas von Therapie-resistenter Depression vermerkt.

Papa packte der Ehrgeiz und meine Mama war stolz auf mich. Er ließ mich die ganze Geschichte der Psychotherapie durchmachen von Hypnose, über Analyse bis hin zu Verhaltenstherapie. Ich setzte mich dem entgegen und blieb depressiv.

Vater erfreuten diese neuen Leistungen und doch war er ein bisschen in seinem Stolz als bester Psychiater gekränkt, als eine junge Krankenschwester mich aus der Depression riss. Mutter hoffte nun auf ein Umschwenken in eine Manie.

Ich hatte weiterhin Therapie bei Papa. Mama brachte die Krankenschwester dazu die Station zu verlassen, um mich weiter zu fördern. Ich litt unter starkem Liebeskummer und entwickelte die Überzeugung, dass ich nie wieder eine Frau lieben könnte.

Mutter brachte mich dazu Bücher mit Verschwörungstheorien von Robert Anton Wilson zu lesen, in der Hoffnung, dass ich eine paranoide Psychose entwickeln würde. Ich las weitere Bücher von ihm und entwickelte ein Interesse an psychoaktiven Substanzen und konnte so meinem Liebeskummer entkommen.

Die Eltern waren sich einig, dass die Entwicklung einer Schizophrenie großes für meine Selbstentfaltung tun würde, also ließen sie mir den Freiraum. So galt doch die Schizophrenie als Königsdisziplin der psychischen Erkrankungen. Nach einem Pilztrip floh ich aus der Anstalt und schmiedete Pläne wie ich der Kontrolle meiner Eltern entkommen könnte.

Allein im Wald ohne Gesellschaft in einer Hütte schrieb ich wilde Geschichten über eine Welt in der Menschen nicht perfekt sind, in dem was sie tun. Dort gibt es viele psychisch Kranke und viele Psychiater, die diese zu behandeln versuchen. Die psychisch Kranken sind zum Teil so leistungsschwach, dass sie sogar von den schlechten Psychiatern erfolgreich behandelt werden.

Ich gebe zu, es war eine absurde Episode in meinem Leben.

Mit den Eltern hatte ich zu der Zeit keinen Kontakt. Sie wussten natürlich wo ich war, der beste Privatdetektiv hatte mich schon am ersten Tag aufgespürt. Er sorgte dafür, dass ich keine Gefahr für mich selbst darstellte. Das erfuhr ich erst später, als mich meine Eltern wieder abholten.

Vater heilte mich mit einer Re-Imprinting-Methode von der Schizophrenie. Er und ich unternahmen dann einige Zeit lang viel zusammen zu Hause. Er war fasziniert von meinen Wahnvorstellungen und schlug mir vor wie wir zusammen arbeiten könnten. Ich sollte Dozent für psychische Erkrankungen werden.

Ich war bereits der beste psychisch Kranke im Universum, jedoch überzeugte mich meine Mutter von den Vorteilen der neuen Rolle. Sie half uns beim Marketing. Schon versammelten sich Scharen von Hobby-Psychischkranken in meinen Seminarräumen. Ich nutzte anfangs einfache Konditionierungstechniken, um Phobien in Menschen zu installieren.

Der beste Opernsänger hatte auf einmal Angst vor dem Publikum. Der beste Börsenmakler fürchte sich vor dem Erfolg. Der beste Privatdetektiv traute sich nicht mehr aus seinem Haus aus Angst beobachtet zu werden.

Die Menschen liebten es, es wurde schnell zum Trend psychisch krank zu sein. Papa konnte seine Kunst unter Beweis stellen, indem er sie wieder von ihren Leiden befreite. Ich selbst konnte mir ein Leben nach meinen Wünschen finanzieren.

Dann kam sie. Dunkle Haare, grüne Augen, Marie, die Krankenschwester. Meine große Liebe wollte von mir erlernen, wie sie eine soziale Phobie entwickeln kann. Ich war hin- und hergerissen … ja, soziale Phobie war gerade die Trend-Erkrankung schlechthin. Natürlich wollte ich ihr mein Talent zeigen, jedoch würde es gleichzeitig bedeuten, dass sie sozialen Kontakten aus dem Weg gehen würde. Sodass wir uns nicht wieder treffen könnten.

Die Konditionierung war erfolgreich.

Marie und ich haben seitdem kein Wort mehr miteinander gesprochen.

Ich bin der beste meiner Art.


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