Die Entenverschwörung

Matt S. Bakausky
Matt S. Bakausky

Aus Protest esse ich manchmal diese Fertignudelsuppen aus Thailand mit Entengeschmack. Aber das alleine  macht nicht wett, was mir diese Flug- und Schwimmtiere angetan haben.

1991 hatte Peter das Eis auf dem See des Stadtpark-Weihers erkundet, er war gerade fünf Jahre alt. Da wollte er auf die Insel gehen über das dünnere Eis und stürzte ein. Eine Ente lachte heimlich im Hintergrund. Dies war die Einweihung des Peters in den See. Mutter und Verwandte schleppten ihn nackt nach Hause, das schreiende Kind - eingebrochen in den Ententeich im Winter. Schamanen schicken junge Männer in die Wildnis, um sie vorzubereiten, auf das, was noch kommen mag, die Enten schubsen einen von ihnen auf das Eis im Winter und lassen ihn das kalte Wasser spüren.

Und circa 148 Jahre zuvor veröffentlichte der Autor Hans Christian Andersen das Märchen vom hässlichen Entlein.

Das Entlein, welches in Wirklichkeit ein Schwan war und von einem Bauer gerettet wurde, als es im Eis stecken blieb.
Aber das hat natürlich nichts mit Peter zu tun, fahren wir fort in seiner Geschichte. Peter schrie, denn es war ihm kalt und die Angehörigen hatten ihn ausgezogen, raus aus den nassen Klamotten, und wurde so vorbei an den starrenden Augen der Spaziergänger und sonstiger Lustmolche. Die Augen der ersten Frau, die das verwunschene Entlein küssten, waren grün und gehörten zu der rothaarigen Laura. Für einen kurzen Moment war das Entlein nicht mehr eine Ente, sondern ein Schwan. Doch bereits beim Treffen am nächsten Tag war das vorbei, Laura hatte nur zum Spaß mit Peter rumgemacht und wollte jetzt mit seinem Kumpel herummachen.


Peter verwandelte sich weiter in eine Ente. Die Signale aus dem All - dem Wildentenhaufen - wurden stärker, die irdischen Signale nahm er kaum noch wahr. Sie rauschten wie im Alkoholrausch an ihm vorbei: Laura küsst diesen Jungen, Laura küsst jenen Jungen, der Schmerz im Herz wurde irgendwann zum Eis.


Einmal waren Peter, Laura, Chris und Lucy im Stadtpark, da erzählte Peter von der Entenverschwörung. Für diesen Zeitpunkt war es ihm klar: Die Enten sind die wahren Herrscher der Erde, sie waren außerirdische Wesen, die die Menschen kontrollieren konnten - eine fortgeschrittene Spezies, getarnt als Wasservogel. Beweise gab es zu dem Zeitpunkt wenige, aber die Wahrheit, die einmal ausgesprochen war, konnte nicht mehr losgelassen werden.
Manchmal war Peter als Kleinkind einsam und weinte sich in den Schlaf, da kaufte seine Mutter ihm eine Plüschente, die ihm Sicherheit gab, eine Ente aus einem Milliarden-Dollar-Zeichentrickfilm-Business. Peters erster Kinofilm war außerdem auch ein solcher Zeichentrickfilm, über die Abenteuer von drei Neffen der steinreichen Oberente.


Die Enten vom Wildentenhaufen - eine Sternenkonstellation in der Milchstraße - hatten die Realität von Peter fest im Griff. Ein Freund war jemand, der ihn für seinen Vampirentenpullover lobte... das ist ein super Pulli sagte er. Die Vampirente, gezeichnet von einem deutschen Comiczeichner, hatte kein Spiegelbild im Gegensatz zur normalen Ente.
Also am nächsten Tag hatte Laura wenig Interesse an Peter und die Tage darauf auch nicht mehr. Peter blieb trotzdem im Freundeskreis, der Freundeszone, ohne es zu wissen und konnte so Laura beobachten, wie sie Woche für Woche andere Typen küsste, ohne sich festzubinden.


Eine Ente habe ich noch. Peter wuchs weiter heran, zum hässlichen Entlein, zum Außenseiter, wie es auch der Märchenerzähler Hans Christian Andersen war. Die Enten steckten ihn Schritt für Schritt Informationen zu, um sich aus seinem traurigen Dasein zu befreien, vielleicht bereuten sie es ihn auf dünnen Eis eingebrochen haben zu lassen. Vielleicht bereuten sie es,  vielleicht waren sie einfach schlauer, als dass Peter ihre Handlungen verstehen konnte.
Dann eines Tages kamen Peter Gedanken auf, die ihm dazu brachten, an vier Stellen die ihm wichtig waren mit seinem Armen Bewegungen zu machen, die die Kommunikation zu den Enten auslösen würden. Zu Hause, Grundschule, Gymnasium und Kirche wurden auf der Karte ausgesucht, sodass in der Mitte der Ententeich liegen würde. Einige Wochen später sah er erste Ergebnisse seiner magischen Arbeit: Zu Peters Verwunderung war eine riesige Badewannenente auf dem Stadtparksee installiert worden. Ein Kunstprojekt.


Peter filmte seine Manifestation. Er wusste noch immer nicht was los war, befand er sich doch unbewusst weder in der Realität noch in der Imagination - sondern im Wasser und schwamm so träumend vor sich hin. Die Imagination ist das Fliegen der Ente, die Realität der Gang auf dem Boden.  Eines Nachts hatte Peter Wahngedanken, wie es später genannt wurde, um es zu erleichtern für Ärzte ihm zu helfen.


Er sprang in den Stadtparksee - nackt und schwamm zu der Gummiente. Als Selbstinitiation, als Selbsttaufe.  Dabei verletzte er sich seinen Fuß - der Fuß der ihn mit dem Boden verbinden sollte. Nach der Initiation, nachts im Park, bei schüttenden Regen, ging er wieder bekleidet zurück... er suchte nach der Gottheit, die ihn initiiert hatte, weil er das so in einem Comicbuch gelesen hatte und da sah er ihn, den Neptunbrunnen. Der Neptunbrunnen, den sein Vater laut Legende durch Unterschriftensammlung gerettet hatte, als dieser aus dem Stadtpark zum Hauptmarkt verschoben werden sollte. Natürlich war Neptun, der Herrscher der Gewässer, die Gottheit der Ente Peter.


Bist du noch bei mir? Egal, spätestens als Peter dann drei Jahre später beim automatischen Schreiben ein Wesen kontaktierte, welches sich als Ente ausgab, ein spiritueller Leiter, welches sich schon immer als Ente manifestierte, spätestens da konnte Peter die Punkte verbinden. Alle Menschen, die er als Freund betrachtete, hatten etwas mit Enten zu tun. Der Junge, der den Entenpullover mochte. Der Junge, dessen besondere Fähigkeit es war, den Kopf der Ente zu zeichnen, mit der ein Konzern Milliarden verdient. Alles hing mit Enten zusammen.


Das war Peter klar und es begann mit der ersten Verschwörung der Enten gegen ihn, mit dem Einbruch in das Wasser des Stadtparksees. Peter hatte sein Leben vollständig erklärt, so schien es ihm. Und die Karte passte wunderbar zum Gebiet. Er konnte in diesem Moment die Suche abschließen. Er war angekommen. Was ist der Unterschied zwischen einer Ente? Peter.

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