Die Rückführung

Matt S. Bakausky
Matt S. Bakausky

Es begann alles damit, dass meine Noten am Gymnasium schlechter wurden. Meine Eltern waren besorgt, dass ich das Abitur nicht packen und mir meine Zukunft verbauen würde. Statt zu lernen verbrachte ich die Zeit lieber kiffend oder saufend mit meinen Freunden. Meine Mutter war seit einiger Zeit dabei sich eine große Bibliothek an esoterischen Büchern zuzulegen. Selbst diese Heilsteine sammelte sie. Ihr neuestes Ding war aber ein Buch von einem Dr. Bruce Goldstine über frühere Leben und wie diese unser jetziges Leben beeinflussen. Als ich dann in Französisch wieder eine fünf hatte, hieß es mach Therapie oder es geht direkt aufs Internat. Mittlerweile zählte ein Therapeut für die Zurückführung in vergangene Leben zum Bekanntenkreis meiner Mutter. Sein Name war Sibius Fotch. Was für ein bescheuerte Name. Da ich nicht aufs Internat wollte, wählte ich die Therapie bei diesem Sibius.

„Setz dich Carl“ sagte Herr Fotch mit einer sanften Stimme, als ich das Behandlungszimmer betrat.

Der Mann war sehr klein, vielleicht gerade Mal so groß, dass er im Freizeitpark nicht mehr umsonst reinkam. Also richtig winzig, wie ein Kind. Er hatte eine Halbglatze mit langen Haaren und trug einen Ziegenbart. Meine Mutter hatte mir schon von seinen leuchtenden Augen erzählt und ich hatte schon Befürchtungen, dass da etwas liefe, aber jetzt wo ich Sibius sah schloss ich das vollständig aus.

„Herr Fotch, ich bin nur hier weil meine Eltern wollen, dass ich bei Ihnen Sitzungen mache. Ich glaube ehrlich gesagt nicht an frühere Leben.“

„Nenn mich doch Sibius, Carl. Lass uns die Zeit doch einfach nutzen, um zu entspannen, egal ob es nun frühere Leben gibt oder nicht. In einem entspannten Zustand kann dein Unterbewusstes mit dir kommunizieren.“

Die Stimme von Sibius hatte etwas beruhigendes, ich fühlte mich leicht schummrig.

„Sibius, wie läuft das hier jetzt ab?“

„Wir werden gemeinsam experimentieren, ich spreche zu deinem Unterbewusstsein und du kannst dich währenddessen auf den Klang meiner Stimme konzentrieren oder die Gedanken schweifen lassen. Atme tief ein, schließe die Augen, atme aus und entspann dich.“

Ich spielte mit, denn es drohte ja das Internat. Sibius würde bestimmt meiner Mutter davon erzählen, wenn ich mich hier total verweigern würde.

Sibius ließ mich von 100 bis 1 nach unten zählen, wobei er schon bei 90 die Zahlen verschwinden ließ. Dann erzählte er von einem Ort in der Natur mit Bäumen und einem fließenden Bach und irgendwann sollte ich auf einem Zeitstrahl zurück in die Zeit vor meiner Geburt reisen. Dass das geklappt hatte bestätigte mein Unterbewusstsein mit einer Bewegung eines Fingers und Sibius stellte mir eine Reihe von Fragen, wie „Bist du drinnen oder draußen?“ oder „Bist du alleine oder sind andere Personen anwesend?“

Nachdem ich wieder klar war, spielte Herr Fotch mir eine Aufzeichnung von der Sitzung vor und ich hörte mich davon erzählen, wie ich ein junger französischer Soldat war, der gerade in den Krieg eingezogen wird und seine schwangere Frau zurück lässt. „Und was hat das nun mit meinen schlechten schulischen Leistungen zu tun, Sibius?“ fragte ich den Zwergendoktor. „Carl, siehst du nicht die Zusammenhänge? In deinem früheren Leben hattest du die Verantwortung deinem Vaterland gegenüber in den Krieg zu ziehen und musstest deshalb deine Frau zu Hause zurück lassen – dein Herz war bei deiner Frau, die Verantwortung zog dich woanders hin. Und nun in diesem Leben hast du ein Problem mit Verantwortung. Aber das ist nur meine Interpretation, du kannst gerne selbst darüber nachdenken.“ Damit war die Sitzung beendet und das war erst der Anfang der Therapie. Klar vielleicht habe ich mir da in diesem veränderten Bewusstseinszustand etwas ausgedacht... passt ja meiner Meinung nach ganz gut, dass ich gerade in Frankreich Soldat gewesen sein soll, wo es doch mit dem französisch bei mir im jetzigen Leben total hapert.

In der folgende Nacht träumte ich von meinem Leben als französischer Soldat an der Front. Unsere Basis wurde vom Feind überrascht und ich wurde gefangen genommen. Ich wachte schweiß gebadet auf. Im Gespräch mit meiner Mutter am nächsten Tag erzählte ich von meinem Erlebnis bei Herrn Fotch und meinem folgenden Albtraum. „Mach dir keine Sorgen, mein Sohn“, sagte sie, „das ist ganz normal, ich habe darüber gelesen. Falls es dich interessiert, kann ich dir Dr. Goldstines Buch zum Lesen geben.“ Bevor ich dankend ablehnen konnte, holte sie es schon hervor und gab es mir. Ich nahm es mit, hatte aber nicht vor darin zu lesen.

In der Schule seilte ich mich nach der dritten Stunde vom Unterricht ab und begab mich in die Kiffer-WG meiner Freunde Sven und Hans. Ein, zwei Joints wurden rumgereicht, dann war auf einmal der Eistee leer und ich wurde auserkoren neuen zu holen. Ich hasste es bekifft das Haus zu verlassen. Mir wurde dabei immer ein bisschen mulmig zu Mute. Auf dem Weg zum Supermarkt sprach mich eine Frau auf französisch an... ich schaute nur verwirrt. Ich stand in Französisch auf einer fünf und meine Beherrschung der Sprache war wirklich gering. Plötzlich hörte ich Sibius Stimme wie er mich von 100 bis 1 runterzählen ließ. Ich atmete tief ein und aus und verstand die Frau perfekt. „Sebastian, dass ich dich noch einmal treffe.“, sagte sie. „Ich habe mir solche Sorgen gemacht!“ Ich antwortete in perfekten Französisch „Ich kenne Sie nicht. Was wollen Sie von mir?“ Die Frau gab mir einen Kuss und ich war überwältigt. Sie war jung, etwa in meinem Alter, sehr hübsch. Sollte ich dieses Missverständnis ausnutzen? Andererseits könnte sie einen Trickbetrügerin sein... Ich sagte: „Es liegt eine Verwechslung vor... Entschuldigen Sie, aber ich muss los.“ Da holte sie ihre Geldbörse hervor und zeigte mir ein Foto. Da war ich im schwarzen Anzug und ein Mädchen ganz in Weiß in einer Kutsche auf dem Weg vom Standesamt. Das Mädchen war offensichtlich die Frau und der Mann mein Doppelgänger. Sie erzählte mir, dass sie immer auf mich gewartet hätte. Sie lud mich ein auf einen Kaffee zu sich zu kommen und ich konnte nicht nein sagen. Als wäre es ein Automatismus. Es fühlte sich als richtig, als einzige Möglichkeit an. Bei ihr zu Hause, hingen weitere Bilder meines Doppelgängers und der Frau. Und sie brachte mich in ein kleines Zimmer und zeigte mir ein Baby. Ich sollte es mal halten, ein Mädchen erklärte sie lächelnd. Im Zimmer hörte ich ein Ticken der Uhr, Tick-Tock-Tick-Tock. Ich schaute auf die Uhr, es war kurz vor 6 und ich musste noch in den Supermarkt Eistee kaufen. Ich verabschiedete mich von der Frau. Sie weinte, warf mir vor, dass ich sie verlassen würde... ich versprach ihr wieder zu kommen. Als ich das Haus verließ wurde mir bewusst, dass ich mich in der Gegend nicht auskannte und die Straßenschilder waren auf französisch. Ich blieb erst mal stehen, atmete tief ein und aus und dachte mir, „scheiße scheiße scheiße – was ist nur los?“

Da hörte eine Stimme „Hey, alles in Ordnung, Carl?“ - Es war Hans. Ich öffnete die Augen und war wieder in der Kiffer-WG. „Ich bin wohl ein gedöst“, sagte ich. „Du hast laut ganz oft 'merde' gerufen und gezittert... Wir haben uns Sorgen gemacht“, sagte Sven. „Alles gut?“ fragte Hans. „Ja, alles gut. Ich muss los!“, ich verließ die WG und kehrte nie wieder dahin zurück.

Als ich das nächste Mal bei Herrn Fotch war erzählte ich ihm von meinem Erlebnis. Erst schaute er mich interessiert, dann etwas beunruhigt an. Als ich mit der Erzählung fertig war, blieb er noch einige Sekunden still und sagte dann „Das ist kein gutes Zeichen Carl. Du scheinst Probleme zu haben dein jetziges Leben von deinem früheren zu trennen. Wer weiß, dass nächste Mal kommst du vielleicht nicht aus der Vergangenheit zurück. Wir müssen die Therapie an dieser Stelle abbrechen.“ „Aber Sibius“ - „Sag lieber Herr Fotch, Carl“ - „Aber Herr Fotch, sehen Sie nicht, dass ich durch dieses Erlebnis einen Therapieerfolg erzielt habe? Ich schwänze den Unterricht nicht mehr und habe mit dem Kiffen aufgehört.“ - „Ich will nichts mehr davon hören! Verlasse nun meine Praxis“ Der Therapeut war aufgebracht und stand auf, um mich zur Tür zu weisen. Verstört verließ ich die Praxis.

Zu Hause erwartete mich meine Mutter bereits. „Sibius hat mit mir gesprochen, Carl, er sagte, dass du nicht weiter behandelbar bist! Du weißt was das bedeutet.“ - „Aber Mutter, ich bemühe mich doch – ich fehle nicht mehr im Unterricht und das nach nur einer Sitzung.“ - „Keine Widerrede, du kommst aufs Internat.“

Am Abend versuchte ich meinen Vater zu einem Gespräch anzutreffen, doch er hatte keine Zeit. Als er dann doch Zeit fand, sagte er nur „Du hattest eine Abmachung mit deiner Mutter und ich werde mich da nicht einmischen.“

In der Nacht träumte ich von meinem alten Leben als Soldat, im Gefangenenlager. Der Traum war sehr real. Ich wachte wieder schweißgebadet auf. Ich erschrak, denn ich war nicht in meinem Zimmer in der elterlichen Wohnung, sondern in einem Sammelschlafraum. Ich bekam Panik, mein Herz schlug schneller. Ich grübelte. Wahrscheinlich wurde ich langsam wahnsinnig. Kiffen konnte zu Schizophrenie führen, oder? Vielleicht hatte ich es übertrieben und nun war es zu spät. Ich schloss die Augen und wälzte mich im Bett hin und her, bis ich endlich wieder einschlief.

Ich träumte davon, dass meine Mutter mit Sibius Händchen haltend mir zuwinkten, als ich im Zug zum Internat saß. Es kam mir surreal vor, als wäre es ein Leben, dass nicht mehr meines war. Ich winkte zurück. Dann schloß ich die Augen kurz und atmete tief ein. Ich öffnete die Augen wieder und schaute an mich herunter. Dünn war ich geworden. Es war eine lange Zeit gewesen im Gefangenenlager, eine Zeit die nun vorüber war. Gott sei dank. Ich hoffte, dass ich Marie wieder sehen würde. Und das Baby. Ob es ein Junge oder ein Mädchen war? Selbst wenn ich Marie nicht wieder sehen sollte, ich würde es überstehen. Ich habe gelernt, Dinge zu überstehen.

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