In der Nachmittagssonne sitze ich auf dem Steinboden im Hof der Kirche. Bei mir sind Freunde aus dem Jugendtreff der Gemeinde. Zwischen uns liegen drei geöffnete Kartons mit Familienpizza. Salami, Speziale und einmal Gemüse für die Vegetarier. Ich greife nach einem Stück von der Speziale, spüre den Teig auf meiner Zunge, beiße zu und schmecke die Komposition aus Tomatensoße, Salami, Schinken und Peperoni. Lecker. Ich erinnere mich zurück an den vergangenen Tag.

In der Jungentoilette habe ich mit Steve die Pissoirs abgeschraubt. Was für ein Gestank, dieses konzentrierte Urin von vielen Jahren.

Unser Ziel war es, den Jugendtreff im Keller zu renovieren. Die schöne Aufgabe mit den Pissoirs bekam ich, weil ich es als Herausforderung sah – eine ekelige Situation auszuhalten. Wir trugen blaue Schutzhandschuhe aus Gummi. Und mussten immer mal wieder den Raum aufgrund des Gestanks verlassen.

Im Gang vor der Toilette war die Spielzone des Kellers: Billardtisch, Kicker, sogar einen Pinball-Automaten gab es.

Es fehlte an nichts. Ein Bistro-Raum mit Bar, an der Getränke und Snacks verkauft worden. Im Sommer auch Eis. Hinter der Bar standen meist Jugendliche, die sich den Dienst einteilten.

An der Wand in dem Raum hing ein Spiegel mit der Aufschrift »Du bist wertvoll«. Ich hielt das damals für Unsinn, da sich das nicht in meinem Alltag als Jugendlicher widerspiegelte. Aber im Jugendkeller gab es doch eine gewisse Wertschätzung – eine Oase als Rückzugsort von Eltern und Schule.

Beim Betreten des Kellers ging man 13 Stufen herunter und war dann im Spielgang. Links war die Tür zur Disco mit DJ-Pult. Außerdem konnte man den Disco-Raum durch eine Schiebetür mit dem Nebenraum verbinden. An den Wänden im Spielgang hatte irgendjemand begabtes mal Graffiti gesprüht. Also nicht so ein Geschmiere, sondern es sah nach etwas aus.

Im Disco-Raum fanden auch die berühmt, berüchtigten Kellersitzungen statt. Wenn, zum Beispiel, mal wieder leere Alkoholflaschen im Hof hinter dem Gemeindehaus gefunden wurden. Oder, wenn es sonst etwas zu klären gab. Dann saß man da und der Diakon und der Praktikant boten eine simple Lösung an: Wir lassen Euch erst wieder raus, wenn wir wissen, wer es war. Manchmal wurde auch angeboten, dass sich der oder diejenige privat im Büro des Diakons melden kann.

Mit einem Schraubenzieher drehte ich die erste fest verrostete Schraube aus dem Pissoir. Das Wasser in der Toilette war natürlich abgestellt. Hinter dem Pissoir befand sich ein Rohr gefüllt mit hellgelber Schmiere. Das roch nach Urinkonzentrat (extra stark).

Nach getaner Arbeit schmeckte die Pizza vorzüglich. Es würden noch weitere Tage zur Renovierung des Kellers folgen. Vielleicht bedeutet das »Du bist wertvoll« am Spiegel auch, dass man das was man wertschätzt, auch pflegt. Denn wenn keiner in den Spiegel schaut, schaut der Keller selbst hinein.

Fünf oder zehn Jahre später war ich erneut im Keller. Und er war wieder renoviert. An den Wänden hingen vergoldete Bilderrahmen, durch die man noch die Graffiti ausschnittsweise sehen konnte. Ansonsten waren diese weinrot überstrichen. Es gefiel mir nicht so gut, aber bestimmt dachte sich der Keller einfach: Wenn ich wertvoll bin, dann verdiene ich auch goldene Bilderrahmen!

Vielleicht verbrachte zu der Zeit eine neue Generation an Jugendlichen im Keller und aßen nach erfolgreicher Renovierung Pizza im Kirchenhof. Vielleicht fühlten sie auch erst den knusprigen Teig auf der Zunge, bissen dann zu und schmeckten dann die Geschmackskomposition. Vielleicht spürten die Jugendlichen auch was es bedeutet Wert zu schöpfen. Ohne es zu ahnen, was genau passiert, sich nach getaner Arbeit gut fühlen, weil man für etwas arbeitet, was einem etwas bedeutet.