Im absurden Theater

Ein Obdachloser spricht auf einer mir nicht verständlichen Sprache mit für mich nicht wahrnehmbaren Gesprächspartnern. Ich sah ihn bereits auf einer Bank sitzen im Schatten. Auch mich zog es an diesem heißen Tag hier an das Denkmal eines von Nationalsozialisten Ermordeten - aufgrund des Schattens. Der restliche Platz war in praller Sonne, bis auf die beschirmten Cafe- und Restauranttische.

Ich zögerte, bevor ich mich auf die Stufen vor dem Denkmal setzte. Darf ich das? Aber ich glaube, der Ermordete hat nichts dagegen. Ich hielt innerlich eine kleine Andacht ab und kritzelte einen Text in die Glückwunsch-Karte für Mutter. Ein Schulfreund kam vorbei auf dem Fahrrad und erzählte was von einem Theaterstück, das sehr absurd sei. Ich wünschte ihm einen schönen Tag. Er radelte davon.

Ich stand neben dem Denkmal und blickte auf das Restaurant. Ein Italiener. Ich sah noch nicht, dass jemand von Mutters Geburtstagsgesellschaft anwesend wäre. Ich schaute wieder auf den Mann, der jetzt in die Pegnitz spuckte. Ich hatte gerade den Drang ihm einen Fünfer zu geben, da klingelte mein Telefon. Es war Mutter. Sie winkte mir vom Restaurant aus zu. Ich sagte, dass ich sie sehe und sie sagte, sie sehe mich. Dann ging ich auf sie zu.

Was dann passierte im Detail zu schildern, würde den Rahmen dieses Texts sprengen.

Kleiner Tisch für vier Personen und vier riesigen Pizzas. Ich wütend, weil wir keinen größeren Tisch bekommen. Ich beobachtend auf einen freien, großen Tisch blickend, der angeblich reserviert ist. Der Kellner, der uns sagt, wir hätten reservieren sollen, um einen besseren Tisch zu bekommen. Wir, die antworten, dass wir reserviert haben. Ein Mann der mit neonfarbenen Schlappen und lachsfarbenen Socken im Anzug vorbeiläuft. Kalte, verbrannte Bruschetta. Ich, der Fotos macht von unserem kleinen Tisch inklusive Beistelltische. Die Geschenkübergabe. Ständige Blicke einer Frau, die sich vom Tisch zwei, drei Meter entfernt, mir zuwendet, ihre Begleitung ignoriert. Ich, der irgendwann auf den Tisch schaut, um den Augen auszuweichen. Ein Video von einem Enkelkind, das auf dem Spielplatz turnt - am Handy. Ich, der ein Buch verkauft mit Widmung. Gedenken an das schöne Wetter, die vorbeifliegenden Vögel und daran, dass das alles vor Kurzem nicht möglich gewesen wäre - hier zu sitzen mit zwei Beistelltischen und sich bedienen zu lassen. Ein letztes Getränk. Zahlen. Ein kleiner Vogel, der am Boden pickt. Ein langwieriger Weg zum Bus. Ich allein in der U-Bahn, voller Bauch, voller Energie.

Das sei positiver Stress sagt meine Sozialpädagogin. Stress ist Stress, denke ich mir. Die Welt fliegt mir um die Ohren. Bleibt mir nur ein- und auszuatmen. Am nächsten Tag wird sie sich wieder neu aufgebaut haben, um das gleiche Spiel von vorn beginnen zu lassen.
Nur dieses Mal mit Regen und ohne die Beistelltische. Vielleicht.