Keine Zeit für einen Todesfall

Gast
Gast

Carl Close war mir mal sehr nahe. Leider ist er aus dem Business ausgestiegen und schreibt nicht mehr. In Erinnerung an diesen alten Freund präsentiere ich heute einen Text von ihm in meinem Blog... Danke Carl Close, dass es dich gibt. Wir sollten mal zusammen wieder an einem Hörspiel arbeiten! "Die arschverdammte Carl-Dimension" war großartig.

In "Keine Zeit für einen Todesfall" geht es wohl um eine Anstalt und um Wahnvorstellungen oder wie andere es sagen würden, um eine 2. Realität. Eine Realität, die nicht von allen geteilt wird. Ein Paralleluniversum.

Keine Zeit für einen Todesfall
Ein Text von Carl Close

Ich sitze in meinem Zimmer am Tisch und zeichne ein Porträt des Dämons, der mir heute Nacht in einem Traum erschienen ist. Im Traum war ich etwa sieben Jahre alt und saß angekettet in einem dunklen Keller.

Meine Arme waren blutig von Versuchen mich aus den metallenen Ketten zu lösen. Doch spürte ich keine Schmerzen. Plötzlich flog wie aus dem Nichts ein hässlicher alter Mann auf einem geflügelten Untier in den Kerker.

Ich starrte ihn an, sein Kopf ähnelte einem Grashüpfer, seine Haut war faltig und grau. Mit einer sanften Stimme sagte er, dass es nun Zeit wäre, die Ketten zu lösen, da draußen außerhalb des Kellers herrsche ein Krieg und in diesem Krieg werde ich gebraucht. In diesem Moment wachte ich auf.

Ich arbeite an den Schattierungen der Schuppen des Untiers, betrachte die Zeichnung. Zufrieden mit meiner Arbeit lege ich den Bleistift zur Seite und packe das Blatt zu den anderen Zeichnungen in meinen Nachttisch.

Plötzlich öffnet sich die Tür und ein weißer Kittel steht vor mir.
"Hallo Herr X. Setzen Sie sich doch." sagt er.
Ich setze mich auf mein Bett und betrachte meinen Besuch. Um die dreißig, Bart, nüchterner, ernster Blick durch die Brille.
"Herr X schlechte Neuigkeiten. Ihre Mutter ist verstorben." Ich kratze mich am Kinn und blicke den Mann fragend an.

"Unser herzlichstes Beileid" sagt er, ohne das Gesicht zu verziehen. Ich sage nichts, eine Stille entsteht.

"Nun. Die Beerdigung ist in drei Tagen. Laut Anstaltsparagraf so und so haben sie beim Tod eines nahen Verwandten das Recht teilzunehmen.
In Begleitung versteht sich. Ok, dass müssen sie erstmal verdauen. Ich gebe ihnen bis heute Abend Zeit sich zu entscheiden, ob sie dieses Recht wahrnehmen wollen. Auf Wiedersehen"

So plötzlich wie der weiße Kittel erschienen ist, ist er auch wieder verschwunden.
Ich lege mich hin und betrachte die weiße Decke. Da ist ein Riss in der Farbe. Ich kenne ihn gut. Ich schließe die Augen und atme tief durch.

Oft habe ich mich über diesen Riss in der weißen Decke bei den Kitteln beschwert, dennoch taten sie nichts. Dieser Riss in der sonst perfekt
strahlend weißen Decke. Ich öffne die Augen und da ist er wieder. Der Riss. Ich setze mich aufrecht hin und öffne die Schublade des Nachttischs.
Mit seinen brennenden, scharfen Augen schaut mich der Dämon aus der Schublade an. Ich erinnere mich an die Worte seiner sanften Stimme.

"Da ist ein Krieg und in diesem Krieg werde ich gebraucht."  "Es ist Zeit die Ketten zu lösen." Ich fühle ein Lächeln in meinem Gesicht.
Ich nehme Schreibpapier aus der Schublade und setze mich an den Tisch. Ich schreibe einen Brief an die Anstaltsleitung.

Ich beschreibe höflich meine Problematik. Mit dem Bleistift zeichne ich den Riss auf und ende den Brief mit "Es ist Zeit den Riss zu entfernen." Ich unterschreibe ihn und nehme mir vor ihn später an den weißen Kittel zu übergeben. Aufgeheitert klopfe ich mit meinem Daumen auf den Tisch. Gut, gut, denke ich, guter Brief.

Es klopft an der Tür. Ich sage "Herein". Vor mir steht Johansen, um mich zur Gruppenrunde abzuholen. Er sagt was von Beileid, ich sage danke. Wir laufen zum Fahrstuhl und fahren runter in den 4. Stock. Er fragt mich, ob ich vorhabe an der Beerdigung teilzunehmen.

Ich schüttele den Kopf, nein, nein, keine Zeit. Johansen sagt, dass es vielleicht wichtig für mich wäre, um Abschied zu nehmen.

Ich erzähle Johansen vom Riss in der Decke meines Zimmers und das ich einen Brief an die Anstaltsleitung geschrieben habe.
Gerade jetzt sei es doch wichtig für mich, dass ich Ordnung in meinen Leben bekomme. Johansen wechselt das Thema und redet von einer
neuen Heilmethode aus Übersee von der er gelesen hat. Sie sei sehr vielversprechend. Da sind wir schon im Raum für die Gruppenrunde.
Der Leiter der Gruppenrunde spricht sein Beileid aus. Ich bedanke mich für seine Aufmerksamkeit. In der Gruppenrunde sind heute nur
vier statt fünf Personen. Man munkelt, dass Henry zu einer Intensivbehandlung in Stockwerk zehn sei. Wir sollen über unsere Gefühle
reden und ich sage, dass ich es kaum erwarten kann wieder in meinem Zimmer zu sein. Dann spielen wir ein Spiel. Jeder soll zufällig
Wörter sagen. Es fällt mir schwer ein Wort zu sagen. Ich sage schließlich "Zimmer". Ich kann es kaum erwarten, dass ich wieder auf
meinem Zimmer bin. Dann wird der weiße Kittel kommen und ich kann meinen Brief abgeben. Der Leiter entschuldigt sich kurz und verlässt
den Raum. Mein Nebenmann Karl versucht mit mir ein Gespräch über Picassos Verhältnis zu Fernande zu beginnen. Ich gebe an, dass ich zur
Zeit nicht in Stimmung zum diskutieren wäre. Er sagt er habe dafür Verständnis.

Zurück im Zimmer setze ich mich an Tisch und beginne ein Theaterstück zu schreiben. Es handelt von Abigor, einem Kriegsdämon, der mit
einer sterblichen ein Verhältnis beginnt. Ich schreibe und schreibe. Ich zerknülle die Papiere und werfe sie weg. Ich lege mich auf das
Bett und da ist er wieder: Der Riss. Das muss wirklich gelöst werden, denke ich mir. Ich schließe die Augen und atme tief durch bis ich einschlafe.

Irgendwann wache ich auf und der weiße Kittel steht vor mir und will wissen, ob ich mich entschieden habe. Ich sehe ihn verwirrt an und
er meint, wegen der Beerdigung und dem Ausgang. Ich hole den Brief für die Anstaltsleitung hervor und übergebe ihn an den weißen Kittel.
Er blickt es nicht an und erkundigt sich "Was ist das?" - "Ein Brief für die Anstaltsleitung", sage ich, "Ich bitte sie ihn zu übergeben."
"Herr X, es geht doch nicht schon wieder um den Riss in der Decke ihres Zimmers! Nun gut, ich werde den Brief übergeben. Teilen sie mir nun ihre Entscheidung bezüglich der Beerdigung mit." "Ich habe nicht vor die Klinik zu verlassen." "Herr X, ich bitte sie sich dies noch mal zu überlegen, am besten sprechen Sie morgen mit ihrer Kontaktperson darüber." Da ist der weiße Kittel schon wieder verschwunden.

Da stimmt etwas nicht denke ich, wieso wollen sie unbedingt, dass ich die Anstalt verlasse? Es hat bestimmt etwas mit meinen ständigen Beschwerden über den Riss in der Decke zu tun. Sie wollen mich los werden. Einmal aus der Anstalt gelassen, werden ich wahrscheinlich nicht mehr zurückkommen. Sie werden mein Zimmer einfach neu besetzen. Ich bekomme Panik. Ich probiere mich mit einer Atemübung
herunter zu bringen.

Ich setze mich an den Tisch und beginne einen neuen Brief an die Anstaltsleitung zu schreiben.

Ich schreibe, dass der Riss in der Decke meines Zimmers doch gar nicht so schlimm sei und entschuldige mich für meinen vorherigen Brief.

Ich schreibe, dass ich sehr zufrieden bin mit meinem Leben in der Anstalt und mich keineswegs undankbar zeigen wollte.

Ich schreibe, dass ich nur verwirrt gewesen sei aufgrund meiner aktuellen Situation und das so etwas nicht wieder vorkommen wird.

Ich unterschreibe den Brief und lege mich wieder auf das Bett. Ich blicke auf die Decke und ein schmerzendes Gefühl durchfährt mich. Ich öffne die Schublade des Nachttischs und da schaut er mich an, der Dämon und sagt zu mir: "Es ist Zeit, die Ketten zu lösen."

Ich gehe zum Schreibtisch und zerreiße den Brief.

Gastbeitrag