Kollege Meier

Matt S. Bakausky
Matt S. Bakausky

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Betrete die Büroküche und begegne einem mir unbekannten Mann, der sich gerade an der Kaffeemaschine zu schaffen macht. "Hallo", sage ich. "Hallo", sagt er. "Wer sind sie und was machen sie in unserer Küche?", frage ich ihn patzig. "Unser Kaffeeautomat ist defekt und da dachte ich mir, ich schaue mal bei ihnen vorbei"


"Was?", frage ich. "Na ja, die Tür zum Büro war offen und unser Kaffeeautomat ist defekt und ich brauche Kaffee". Das gibt es doch nicht, so etwas Dreistes, denke ich mir und schaue nur verdutzt. "Meier ist mein Name, ich arbeite bei Seismocom, auf demselben Stockwerk". "Aha", sage ich. "Ich hoffe, die Maschine hier gibt ordentlichen Kaffee?", fragt er. "Ja, doch, bedienen sie sich ruhig", sage ich. "Da bin ich bereits dabei", antwortet er knapp. "Sie hätten gerne klingeln können, doch einfach zur Tür hereinkommen und in die Küche gehe, das ist doch schon etwas dreist", stelle ich fest. "Ich sagte bereits: Ich brauche Kaffee." - "Aha" - "Ja, ohne geht es nicht. Ich kann so nicht arbeiten." - "Soso"


Er geht an den Kühlschrank und bedient sich an der Milch. Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Der Mann, dieser Herr Meier von Seismocom, braucht Kaffee, da kann man wohl nichts machen. "Schönen Ausblick haben sie da!", behauptet er nun und zeigt zum Fenster raus. "Von unserer Küche aus sieht man nur den Parkplatz, hier sieht man schöne Bäume. Es ist bereits Herbst, die Blätter haben sich verfärbt." - "Ja, das ist ja schön und gut, aber ich würde sie bitten jetzt zu gehen." - "Ich bevorzuge Small Talk beim Kaffee trinken" - "Ja und? Gehen sie doch zurück zu Seismocom mit unserem Kaffee und unterhalten sie sich mit einer Kollegin oder einem Kollegen dort." - "Das ist das Problem. Die sind heute alle außer Haus. Ich bin einsam da drüben". "Gut, dafür kann ich doch nichts. Gehen Sie bitte!" - "Bei uns gibt es zum Kaffee immer Gebäck. Bringt eine Kollegin vom Bäcker mit." - "Aha. Soso. Hier aber nicht." - "Das sehe ich. Mangelhaft." - "Mangelhaft?" - "Wissen sie, es ist nicht das Gleiche. Ich werde sie auf Google schlecht bewerten müssen. Mit Mangelhaft."


"Gehen sie endlich aus unserer Küche heraus und verziehen sie sich!", sage ich jetzt energisch. Der Mann nimmt einen Schluck aus der Kaffeetasse. Da fällt es mir auf. Das ist meine Kaffeetasse. "Woher haben sie die Tasse?", frage ich. "Aus dem Schrank. Wieso?" - "Nur so. Nein, also das ist meine Tasse." - "Steht da etwa ihr Name drauf?" - "Nein, da steht nicht mein Name drauf. Seien Sie nicht unverschämt. Sie können nicht einfach hier reinplatzen und sich an allem bedienen. Die IBM-Tasse ist meine Tasse und das ist so. Geben Sie sie mir jetzt." - "Moment", sagt er und trinkt einen weiteren Schluck. "Nein, sofort!", brülle ich.
"Leckerer Kaffee", sagt er. Ich frage mich langsam, ob ich mir nicht Verstärkung holen sollte. Das ist ja wirklich keine Situation. Ich verlasse die Küche und gehe ins Büro meines Kollegen. "Da ist jemand Fremdes in unserer Küche", erkläre ich ihm. "Aha", antwortet er und fügt hinzu "Ich bin gerade an einer wichtigen Sache dran, kannst du später noch mal vorbeischauen, so in einer Stunde?" - "Es besteht Gefahr in Verzug" erkläre ich. "Ich habe gleich ein Zoom", sagt er da. "Danke für nichts", sage ich und verlasse sein Büro.


Zurück in der Küche schlürft dieser Herr Meier noch immer genüsslich aus meiner Kaffeetasse. "Da sind sie ja wieder. Gutes Wetter heute, die Sonne scheint heute." Ich reiße dem Heini meine Tasse aus der Hand, stelle sie in die Spüle und ziehe in an seinem Ärmel aus dem Büro. "Genug geredet für heute", sage ich. Ich begleite ihn zum Ausgang und er schaut komplett entgeistert. Und meint das "ist doch unhöflich!".


Als er aus der Tür raus ist, achte ich darauf, dass die Tür zu den Büroräumen auch verschlossen ist. Ich gehe zurück in mein Büro und mache mich wieder an die Arbeit.


Nachmittags gegen halb vier werde ich von einem Bohren bei der Arbeit gestört. Ich verlasse mein Büro, um der Quelle des Bohrens auf die Spur zu gehen. Es kommt aus dem leeren Bürozimmer gegenüber. Ich betrete den Raum und glaube es kaum: Da ist dieser Herr Meier und bohrt Löcher in die Wand. Er bemerkt mich erst gar nicht und ich starre ihn nur fassungslos dabei an. Als er fertig ist, räuspere ich mich, um ihn auf mich aufmerksam zu machen. "Hallo, Kollege", sagt er. "Was machen sie hier schon wieder?", frage ich. "Ich habe eine Garderobe gekauft für mein neues Büro", sagt er. "Ihr neues Büro?", frage ich. "Ja, ich habe vorhin mitbekommen, dass dieses Zimmer noch frei ist. Und nun ja, der Kaffeeautomat in meinem bisherigen Büro ist kaputt und so habe ich mich spontan entschlossen, hier einzuziehen."


"Das geht zu weit!" schimpfe ich. Er nimmt einen Schluck aus der Kaffeetasse vom Schreibtisch und sagt: "Haben sie sich nicht so. Das ist die New Economy! Außerdem sind meine Kollegen heute nicht da und wenn ich ehrlich bin, kommen die auch nicht wieder. Seismocom hat Insolvenz angemeldet" - "Interessiert mich nicht", stelle ich klar. "Ich rufe jetzt die Polizei"


Herr Meier zündet sich eine Zigarette an und hält mir die Schachtel hin - "Auch eine?" fragt er. "Na gut", sage ich, "Das war ein stressiger Tag. Eine Rauchen wäre jetzt nicht schlecht." Und so rauchen wir zusammen in dem freien Büro.


Herr Meier wohnt mittlerweile in diesem Raum. Er ist mein wichtigster Ansprechpartner in der Firma. Die Kollegen sind immer so beschäftigt und so habe ich mich dagegen entschieden, jemanden davon zu berichten. Es ist unser kleines Geheimnis. Ich bringe ihm jeden Morgen Gebäck vom Bäcker mit.

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