Erst als das Notaggregat in meinem Bunker anging bekam ich davon mit. Ich wunderte mich über den plötzlichen Stromausfall, waren doch die Kernkraftwerke immer eine sichere Quelle für Strom gewesen. Hier lebte ich seitdem ich denken kann. Also richtig denken - seitdem ich begriffen hatte, dass das Ende nah ist. Ich hatte alles vorbereitet: Essen, Wasser und eine Sammlung von tausenden Büchern, DVDs und Compact Discs. Mir ging es gut. Die ersten Tage alleine im unterirdischen Bunker, waren befreiend. Der Stress und die Ängste, welche ich während meiner Zeit als CEO einer boomenden Dot Com Firma zu spüren bekam, verschwanden mit dieser Entscheidung. Ich hatte die Zeit meines Lebens. Ich hörte Musik, schaute Filme, aß jeden Mittag Ravioli aus der Dose und Abends Fisch.  In meinen Notizbüchern konnte ich jedoch den fortschreitenden Zerfall meiner Psyche feststellen. Während ich anfangs nur wenige Punkte auf eine Strichliste aufschrieb, begann ich stetig mehr zu schreiben. Bis ich jeden Tag immer wirrer Gedanken auf Papier brachte. Wie zum Beispiel ein Essay über Mülltrennung im Weltall. Ich nannte meinen Bunker in diesen Schriften nicht mehr Bunker sondern Raumstation. Er begann von sich selbst in dritter Person zu sprechen als der Kapitän.
Zitat aus Logbucheintrag 8003: Der Kapitän bemerkt dass das Notstromaggregat der Raumstation sich aktiviert hat. Die Speisung durch den Atomreaktor der Basis muss ausgefallen sein.
Zitat aus Logbucheintrag 8033: Der Notstrom ist seit 4,3 Tagen aufgebraucht. In einer Krisensitzung hat der Kapitän entschieden ein Team zur Basis zu schicken. Die Crew-Mitglieder Redborrough und Frey werden ihn begleiten.Logbucheintrag 8035: Der Kapitän hat die Basis betreten. Als ich die verwachsene Bunkertür öffnete und durch das Visier des Schutzanzuges wieder den Himmel und die Pflanzen sah hatte ich eine Eingebung: Ich bin gar kein Kapitän einer Raumstation. Dies teilte ich Redborrough und Frey mit. Sie schauten etwas besorgt, als hätte ich den Verstand verloren. In der nächsten Kleinstadt waren keine Menschen auf der Straße. Jedoch konnte ich Musik aus der Ferne hören. Wir folgten den Tönen. Und siehe da: Menschen sangen und spielten Instrumente aus ihren Fenstern und von ihren Balkonen. Sie bemerkten uns gar nicht. Nach einigen Momenten hörten sie auf und gingen zurück nach Drinnen. Frey sagte: „Hier stimmt etwas gewaltig nicht“. Und Redborrough stimmte ihm zu. Ich schlug vor das Firmengebäude meines DotCom-Startups aufzusuchen. Auf dem Weg dahin sah ich einen geschlossenen Zeitungsladen. Im Schaufenster kann ich die fett gedruckte Schlagzeile lesen. „CORONA: Zahl der Toten steigt drastisch“.  „Da muss es eine vergiftete Charge gegeben haben“ sagt Redborrough. „Zum Glück trinke ich kein Bier“ antwortet Frey. Am Gebäude von BEWOOT.COM sehe ich die einst weißgestrichene Fassade jetzt in grau und herab gebröckelt, Fensterscheiben sind eingeschlagen. An der Tür hängt ein Schild „Geschlossen“. „Das ist gar nicht gut.“ sagt Frey. „Lass uns zurück gehen“ fleht mich Redborrough an. Ich fühle mich mulmig. Aber mir ist bewusst, dass ich hier das Sagen habe, die Entscheidungen treffen muss. „Wir gehen zurück zum Bunker“ sage ich. Vor dem Bunker entdecke ich einen gelben Plastikbehälter. Den muss ich beim Betreten der Außenwelt übersehen haben. Darin befinden sich Briefe auf denen Mahnung gestempelt ist. Vom Elektrizitätswerk. Ich öffne einen mit den Schutzhandschuhen und siehe da: Mein Konto ist nicht mehr gedeckt und sie drohen mir damit, den Strom abzustellen.„Das erklärt doch den Stromausfall“ sagt Redborrough. „Und was ist mit den Verrückten da draußen?“ fragt Frey. „Zurück zur Raumstation!“ befiehlt der Kapitän.