Eine auf dünnen Papier gedruckte Geschichte

Ein älterer Herr sitzt in Hemd und Sakko am Küchentisch. Es ist 8:10 Uhr. Er studiert die Patientenakten für die heutigen Fälle. Unterstreicht einzelne Sätze mit einem roten Stift und macht sich Notizen. Dabei trinkt er schwarzen Kaffee. Plötzlich wird er vom Telefonklingeln aus seiner Vertiefung gerissen. "Milestone" sagt er nach Abheben des Hörers. "Peter, es ist etwas Schlimmes passiert". "Was ist es diesmal Betty, hat Herr Bakausky wieder einen Anfall im Wartezimmer?" Am anderen Ende der Leitung spricht eine junge Frau mit verängstigter Stimme. "Die... Praxis brennt!" Dr. Milestone antwortet ruhig "Was ist passiert?" - "Ich kam gerade eben mit dem Fahrrad zur Arbeit, da sah ich von weitem schon dass dicker Qualm aus dem Fenstern des Gebäudes kroch. Ich bin jetzt hier vor der Praxis und es sieht nicht gut aus. Irgendwas muss in Flammen aufgegangen sein." - "..." - "Peter, bist du noch dran? Was soll ich denn jetzt machen?" - "Ruf erst mal die Feuerwehr, ich bin unterwegs." Dr. Milestone nimmt einen letzten Schluck von seinem Kaffee und geht ins Treppenhaus. Im Vorbeigehen macht er kurz Halt an seinem Briefkasten aus dem Briefe quellen. Er zieht einen heraus auf dem in Großbuchstaben "Mahnung" gestempelt ist. Grummelt kurz vor sich hin und schiebt die Mahnung zurück in den Schlitz des Kastens.
"Wahrscheinlich handelt es sich um Brandstiftung. Die Polizei ist bereits alarmiert." erklärt der Einsatzleiter der Feuerwehr. "Brandstiftung? Das ist ja schrecklich!" jammert die Sprechstundenhilfe Betty. "Beruhige dich" sagt Peter Milestone sanft und dann zum Feuerwehrmann gerichtet: "Wie kommen sie zu diesem Schluss?" - "Nun ja, die Kollegen haben festgestellt, dass die Fenster eingeschlagen worden sind - vermutlich hiermit" - er zeigt auf einen verrußten Ziegelstein - "Außerdem wurden grüne Glasscherben in den Räumlichkeiten gefunden. Diese könnten von einem so genannten Molotowcocktail stammen". Dr. Milestone kratzt sich am Bart und antwortet "Aha". Eine Polizeistreife fährt ein. Der Inspektor bespricht sich erst mit dem Einsatzleiter und geht dann auf Dr. Milestone zu. "Sie sind der Inhaber?" - "Milestone ist mein Name, Dr. Milestone, Facharzt für Psychiatrie" - "Nun gut Dr. Milestone, meine Kollegin und ich werden hier ein paar Spuren sichern. Vorher hätte ich jedoch noch ein paar Fragen. Waren Sie als erstes am Brandort?" - "Nein, das war meine Sprechstundenhilfe Frau Meyer. Sie ist dort..." als er sich umdreht stellt er fest, dass Betty verschwunden ist. "Hm, gerade war sie noch da. Auf jeden Fall war sie diejenige, die mir davon berichtete." - "Interessant." antwortet der Inspektor und schreibt auf seinem Notizzettel. "Hatten Sie sich in letzter Zeit irgendwelche Feinde gemacht?" - "Feinde? Nein, ich bin kaum mit Menschen in Kontakt außerhalb der Praxis. Sie kennen das bestimmt auch, wenn einem der Beruf rund um die Uhr begleitet..." - "Also keine Feinde. Vielleicht haben Sie sich von jemanden Geld geliehen und nicht zurück bezahlt?" - "Was, wie kommen Sie auf so etwas! Nein, nein, nein ich bin Psychiater ich habe ein prall gefülltes Konto. Die Verrückten gehen einen nie aus." Der Inspektor schaut skeptisch auf von seinem Notizblock und fragt "Verrückte sagen Sie?" - "Äh, ich meine Patienten, ich bin Psychiater und behandle psychisch kranke Menschen, das sagte ich doch." Während der Polizist weiterhin auf dem Notizzettel kritzelt wird Dr. Milestone klar, was der Inspektor gerade im Kopf hat. "Also nein, ich glaube nicht, dass einer meiner Patienten.. also wirklich nicht." "Gut, ich habe vorerst keine weiteren Fragen. Ich müsste jedoch auf jeden Fall noch mit Frau..." er blickt auf den Notizblock und blättert herum - "Frau Meyer sprechen. Haben Sie eine Telefonnummer?" Ein junger Mann mit Brille und zur Seite gegelten Haaren kommt um die Ecke gelaufen. Voller Überraschung blickt er auf die ausgebrannte Praxis in der ersten Etage. "Herr Bakausky" ruft ihm Dr. Milestone zu, als er gerade durch die Polizeiabsperrung das Gebäude betreten will. "Was? Ah. Milestone, ich bin zu spät, tut mir Leid, ich habe verschlafen!" - "Herr Bakausky, ihr Termin kann heute nicht stattfinden. Sie sehen ja!" und der Arzt zeigt auf die ruinierten Praxisräume. "Oh, hat es wohl gebrannt?" fragt Bakausky neugierig. "In der Tat" antwortet der Inspektor, der gerade auf den Patienten aufmerksam geworden ist. Er zeigt seine Marke und stellt sich vor "Inspektor Uladinski von der Kommission Brandstiftung". "Sie sind von der Polizei?" fragt Herr Bakausky unsicher. "Ganz recht, ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen." - "Das ist Herr Bakausky, einer meiner besonderen Patienten, sie brauchen ihn nicht zu befragen. Er ist eher von der verwirrten Sorte." - "Was?" fragt der Patient und Uladinski schreibt fleißig Notizen. "Also Herr Milestone, bitte mischen Sie sich nicht in meine Arbeit ein, dass ist eine ernsthafte polizeiliche Untersuchung!" - "Ich bin Doktor und finde es nicht gut, dass Sie meine Patienten verunsichern." schnaubt Dr. Milestone. "Nancy, kommst du mal" ruft der Inspektor seiner Kollegin zu. "Was gibt es Vladimir?" - "Würdest du den Herrn Doktor mal zur Seite nehmen, so dass ich seinem Patienten hier ein paar Fragen stellen kann?"
"Was soll ich denn jetzt machen, Milestone? Ich bin auf Ihre Hilfe angewiesen! Und der Polizist glaubt bestimmt, dass ich ihre Praxis abgefackelt habe... ei, ei, ei, das packe ich nicht. Das ist gar nicht gut" sagt Bakausky zum Psychiater. "Keine Sorge, alles wird gut, wissen Sie, ich habe im Moment etwas Zeit. Kann sowieso heute keine Patienten empfangen. Kommen Sie doch mit zu mir auf einen Kaffee und wir können über Ihre Probleme sprechen." antwortet Milestone in beruhigender Stimme. Der Patient willigt ein und begleitet den Arzt zum Auto.
Im Treppenhaus sieht Herr Bakausky das Schild am Briefkasten von Dr. Milestone und schaut verdutzt auf die heraus quellende Post. "Ja, ich weiß, ich kümmere mich bald darum. Wissen Sie in letzter Zeit wuchs mir die Arbeit ein bisschen über den Kopf. Mit den steigenden Mietpreisen und den gesenkten Entlohnungen durch die gesetzlichen Krankenkassen, naja, da kann man nicht jede Rechnung bezahlen." erklärt sich der Arzt hastig. "Sie sind ziemlich am Arsch, oder?" stellt der Patient nüchtern fest. Milestone lacht laut wie nur er es kann. Als er sich wieder beruhigt hat antwortet er "Das kann man so sagen, ja."
Bei Kaffe und Butterbrot unterhalten sich die Beiden. "Also Milestone, folgendermaßen... ich kann nicht mehr schlafen. Ich glaube ich vertrage das Abilify nicht!" - "Hmm" macht der Psychiater, während er sich durch den Bart grault. "Ich denke wir könnten die Dosis vom Seroquel ein bisschen erhöhen. Das nehmen Sie doch noch Abends, oder?" - "Ja" - "Gut, wir werden die Dosis jetzt um 50 mg erhöhen. Das ist ein erster Schritt." Dr. Milestone schaut sich im Raum um, bis er findet wonach er sucht: Einen Notizblock. Darauf schreibt er einen Plan und zeigt ihn Bakausky. "Also, wir steigern das Seroquel jetzt phasenweise auf 400 mg." - "Ist das nicht zu viel?" fragt der Patient vorsichtig. "Nein, nein, nein" antwortet Milestone "Das ist keineswegs zu viel. Es ist eine gute Dosis zum Schlafen. Sie befinden sich in einer akuten Phase und diese muss behandelt werden." Dann greift er in eine Schublade und holt zwei Pappschachteln hervor. "Hier aus meinem persönlichen Vorrat, für Sie" Auf den Schachteln steht "Seroquel Prolong 50mg" und das Logo eines Arzneimittelherstellers. "Öh, danke." sagt Bakausky und blickt auf die zwei Schachteln herab. "Sagen Sie mal Milestone, war die Praxis eigentlich versichert?" - "Wieso fragen Sie?" - "Ich habe das mal im Fernsehen gesehen. Da hat jemand seine eigene Wohnung abgebrannt damit er Geld von der Versicherung bekommt."
Als Bakausky gegangen war lief Dr. Milestone in der Wohnung auf und ab. Ihm ging das Wort "Brandstiftung" nicht mehr aus dem Kopf. Hatte einer seiner Patienten die Praxis mit einem Molotowcocktail in Brand gesetzt? Da klingelt es an der Tür. Vor der Tür steht eine junge Frau, sie begrüßt Milestone mit "Peter!". Die Sprechstundenhilfe. "Wo warst du vorhin auf einmal?" fragt der Arzt zornig. "Peter, ich konnte einfach nicht mehr, die ganze Situation überforderte mich." - "Aha" - "Hör mal, die Polizei war bei meiner Mutter, sie suchen nach mir, kann ich bei dir unterkommen?" - "Was? Du solltest einfach dem Inspektor die Fragen beantworten, die tun dir schon nichts." sagt Dr. Milestone. "Es gibt da etwas was ich dir nicht erzählt habe, Peter. Kann ich rein kommen?".
Bakausky sitzt zu Hause in seiner Wohnung und versucht sich abzulenken. In seinem Kopf tobt die Stimme des Inspektors. Ob er was gegen Milestone hätte. Ob er schon mal mit Feuer gespielt hätte als Kind. Er nimmt einen Zug von der Zigarette und sucht sein Telefon. Als er es gefunden hat unter einem Stapel pornographischer Magazine, tippt er eine Nummer ein. Es gibt erst ein Freizeichen, dann ist es besetzt. "Blockier mich jetzt doch nicht, es ist wichtig!" denkt er sich ärgerlich. Eine Stimme in seinem Kopf ruft: Sag ihm dass du es warst! Sag es ihm! Als es ihm zu viel wird geht er zu seinem Rucksack und holt die zwei Packungen Seroquel hervor. Er schluckt vier Pillen mit einem Glas Wasser herunter und legt sich ins Bett.
Als Betty gegangen war, wollte sich Dr. Milestone gerade ein Bier aus dem Kühlschrank holen, da klingelte es erneut an der Tür. Hatte Betty ihm noch etwas zu sagen? Er rennt hastig zu der Tür und beginnt die Silbe "Bet.." Vor der Tür sind zwei Männer mit schwarzen Anzügen. Einer von ihnen knallt dem Doktor eine Faust auf die Nase, so dass er nach hinten fällt und ihm schwarz vor Augen wird.

...wird fortgesetzt...