Eine auf dünnen Papier gedruckte Geschichte

Die zwei Männer in Anzügen packen Milestone und zerren ihn auf einen Stuhl im Wohnzimmer. Dann geht der eine in die Küche und durchsucht die Schränke. Er holt einen Messbecher hervor und füllt ihn am Spülbecken mit Wasser. Dann geht er ins Wohnzimmer und schüttet das kalte Wasser dem Doktor ins Gesicht. Dieser kommt wieder zu sich und schaut sich belämmert um. „Milestone, endlich sehe ich dich wieder.“ sagt ältere der beiden Herren. „Mr. Momomoto“ keucht Milestone. „Ganz recht. Du schuldest mir etwas Milestone.“ stellt der Japaner fest. „Das ist kein guter Augenblick.“ antwortet Milestone während er sich an die Nase fast. „Milestone, Milestone, Milestone“ wiederholt sich Momomoto kopfschüttelnd. „Ich darf doch“ fragt er und zeigt auf einen Stuhl, nimmt darauf Platz ohne eine Antwort abzuwarten. „Hören Sie Mr. Momomoto, meine Praxis ist abgebrannt, ich habe rote Zahlen auf dem Konto und ich habe meine Sprechstundenhilfe geschwängert.“ - „Milestone, ich gebe dir 48 Stunden um deine Schuld zu begleichen, wir sehen uns“ sagt der Asiate und streicht kurz über den Tisch. Er nickt seinem Handlanger zu und die beiden verlassen die Wohnung.
Der Doktor geht zu einem Spiegel im Bad um seine Nase zu betrachten. Sie ist angeschwollen. Er öffnet den Schrank hinter dem Spiegel. Zitternd greift er in den Schrank und holt eine Schachtel hervor. Tramadol. Er drückt drei Pillen aus dem Blister und schluckt sie mit etwas Wasser aus dem Zahnputzbecher herunter. Mit Momomoto ist nicht zu Spaßen, denkt er sich, ich muss irgendwie an 5000 Euro kommen. Er geht zum Telefon und tippt eine Nummer vom Notizblock ab. „Wer ist da?“ fragt eine verschlafene Männerstimme am anderen Ende. „Herr Bakausky, hier ist Doktor Milestone. Ich benötige Ihre Hilfe.“
Der Patient sitzt Milestone gegenüber an seinem Küchentisch. „Also Bakausky, wir müssen diesen Fall lösen. Wir müssen herausfinden wer die Praxis abgebrannt hat.“ - „Äh, warum kommen Sie auf mich zurück?“ - „Sie sind doch nicht auf den Kopf gefallen, Bakausky. Sie sind einer von meinen intelligenteren Patienten. Ich habe Sie jetzt die letzten sechs Monate kostenlos behandelt, da Sie Ihre Krankenkassenkarte nicht mehr mitgebracht hatten“ – „Die habe ich verloren.“ - „Nicht so wichtig. Also, was denken Sie wer hinter dem Anschlag auf meine Praxis steckt?“ fragt der Arzt.
„Ich weiß das doch nicht“ sagt Bakausky müde. Milestone betrachtet Bakausky intensiv und fragt „Haben Sie etwa mit dem Seroquel übertrieben, Sie sehen so schläfrig aus?“ - „Kann sein, ich äh, habe vielleicht etwas mehr genommen als Sie mir empfohlen hatten“. Der Arzt steht auf und geht an einen Küchenschrank, der oberhalb der Spüle hängt. Er öffnet ihn und holt ein dünnes Schächtelchen hervor. „Das hier ist Modafinil. Das macht sie wieder etwas fitter.“ sagt Milestone und schiebt Bakausky zwei Tabletten hin. Bakausky schluckt die Pillen mit einem Schluck Kaffee herunter. Dann nimmt der Arzt eine Pille, zerkleinert sie mit einem Messer, holt einen Fünf-Euro-Schein hervor und zieht das Pulver in sein linkes Nasenloch. „Hui“ macht er kurz und grault sich seinen Bart. Bakausky schaut ihn an und sagt „Na, Sie sind mir aber einer.“ Konzentriert beginnt Milestone die Lage im schnellen Tempo zusammenzufassen: „Die Fenster der Praxis wurden mit einem Ziegelstein eingeworfen und dann eine Molotowcocktail hineingeschmissen. Das muss irgendwann am Morgen vor 8:10 Uhr gewesen sein, denn da rief mich Mrs. Meyer an. Mrs. Meyer befindet sich derzeit auf der Flucht, da sie mit gefälschten Papieren gearbeitet hat. Ein japanischer ‚Geschäftsmann‘ hat mich vorhin besucht. Ihm schulde ich noch 5000 Euro, die er mir vor drei Jahren für... äh... die Einrichtung der Praxisräume geliehen hat. Bisher erschien er nie persönlich und ich hoffe er wird das nicht wieder tun müssen. Unsere Aufgabe ist es jetzt den Täter ausfindig zu machen und nebenbei noch etwas Geld aufzutreiben.“ Bakausky lächelt. „Wissen Sie Milestone, ich habe Ihre Praxis abgebrannt.“ Fragend blickt Milestone dem Patienten in die Augen. „Was? Sind Sie sich sicher?“ - „Nein, aber die Stimmen sagen es mir, dass ich es war.“ - „Hören Sie Bakausky, die Stimmen, die sollten Sie besser ignorieren. Die sind jetzt nicht hilfreich. Wir müssen den wahren Täter finden. Außerdem können Sie mir für den Moment weiterhelfen.“ Bakausky sitzt mit verstörten Blick ins Leere dem Arzt gegenüber. „Es ist so, ich habe hier noch einige Medikamente, die auf dem Schwarzmarkt einiges wert sein dürften“ beginnt Milestone zu erklären, während er einen gelben Sack mit Schachteln aus den verschiedenen Schränken füllt, „Einen Moment bitte, würden Sie kurz hier warten“. Er geht in das Wohnzimmer holt noch mehr Schachteln hervor aus den verschiedenen Schränken. Als er wieder zurück kommt läuft Bakausky in der Küche auf und ab. „So, dass hier sind Upper und Downer im Wert von etwa 2000 Euro. Und jetzt gehen Sie und verkaufen Sie sie.“ Bekausky schaut auf den Beutel und nimmt ihn in die Hand. „Aber ich dachte wir würden zusammen den Fall lösen“ – „Herr Bakausky, im Moment habe ich noch keine Spur. Wir bleiben in Kontakt.“ - „Milestone?“ - „Was gibt es denn noch?“ - „Milestone, was ist wenn ich tatsächlich Ihre Praxis abgebrannt habe?“ - „Lassen Sie uns einen Realitätscheck machen. Wie baut man einen Molotowcocktail?“ - „Das weiß ich nicht.“ - „Sehen Sie, alles in Butter.“ - „Könnte es dann nicht sein dass der japanische Geschäftsmann die Praxis abgebrannt hat?“ - „Das hoffe ich nicht. Nein, nein, nein, er ist ein Ehrenmann. Soweit würde er nicht gehen.“
Betty Meyer sitzt auf einem Bett in einem heruntergekommenen Motel und schaut fern. Da klingelt ihr Handy. Sie schaut auf das Display, sieht das es eine unbekannte Nummer ist. „Ob das wohl Milestone ist?“ überlegt sie kurz und nimmt dann das Gespräch an. „Meyer, hier Bakausky, Sie haben mich in die Scheiße geritten! Wo stecken Sie?“. Betty antwortet nicht. „Hey, Meyer hören Sie mich… hier ist die Kacke am Dampfen! Der Doc will wieder, dass ich Medikamente verkaufe, ich brauche Ihre Verbindungen.“ - Betty legt auf. Sie versucht nachzudenken, da klingelt es erneut. Sie stellt das Handy auf lautlos und schaut weiter fern. Dann schaltet sie den Fernseher ab und geht runter in zu Getränkeautomaten. Als sie gerade zurück zum Zimmer gehen will sieht sie einen Mann vor der Tür stehen. Sie nimmt Deckung und beobachtet ihn aus der Ferne. Der Mann klopft an die Tür und ruft „Mrs. Meyers“. Von hinten kann sie nicht erkennen wer es ist. Nach einer Weile dreht sich der Mann erst nach links, dann nach rechts um. Er holt ein Werkzeug aus der Jackentasche hervor und bricht damit das Schloss auf. Betty rennt schnell zum Zimmer. „Hey Sie“, schreit sie den Mann an. Der Mann durchwühlt gerade ihren Koffer. „Mrs. Meyers, wo sind die Patientendaten?“ fragt der Mann. „Hören Sie, ich habe sie nicht bei mir.“ antwortet sie und greift mit der rechten Hand in ihre Jeans. Der Mann holt einen Revolver hervor. „Stop“ sagt er. Ein Schuss fällt. Betty lächelt erleichtert, während der Eindringling zu Boden sackt, in ihrer Hand befindet sich eine dampfende Pistole. Sie geht rasch in das Bad zum Spülkasten, angelt mit ihren Händen einen sicher verschlossenen Plastikbeutel hervor. Darin befindet sich ein USB-Stick. Diesen steckt sie in Ihren BH. Durch einen Spalt im Vorhang schaut sie nach draußen. Ein Auto hat die Scheinwerfer angemacht. „Scheiße“, denkt sie, „ich muss hier weg“. Sie lässt den Koffer zurück und stürmt mit Waffe in der Hand aus dem Zimmer. Links neben ihr steht ein Mann in Unterhose, der verdutzt schaut. Sie richtet die Waffe auf ihn und er fleht: „Nicht schießen. Ich bin ihr Zimmernachbar“. Sie rennt davon und verlässt zu Fuß das Gelände des Motels.
Dr. Milestone fährt mit seinem Auto in Richtung Praxis. Er stellt sein Auto ein paar Häuserblocks entfernt ab. Dann zieht er sich Gummihandschuhe über die Hände und holt die Taschenlampe aus dem Handschuhfach. Vor der Praxis klettert er über die Polizeiabsperrung und betritt die Räumlichkeiten. Mit der Taschenlampe leuchtet er durch den Raum. Alles ist ziemlich verkohlt, schwarz. Er geht hinter die geschmolzene Theke der Empfangsdame an den Tresor in der Wand. Die Zahlen auf den Tasten des Tresors sind nicht mehr lesbar. Nach zwei Fehlversuchen schafft er es die richtige Kombination einzutippen. Es macht Klack und er kann die Tür öffnen. Er durchwühlt die Inhalte des Tresors, steckt einen Umschlag ein. „Irgendwo muss doch die Sicherung der Daten sein?“ fragt er sich in Gedanken. Doch der USB-Stick ist weg. Jemand ist ihm zuvor gekommen. „Betty!“, denkt er sich. Er schließt die Türe des Tresors und geht mit leisen Schritten aus der Praxis.
Bakausky läuft mit einem Rucksack auf dem Rücken durch einen Park. Am Spielplatz setzt er sich auf die erste Bank und wartet ab. Ein pickeliger Junge kommt seitwärts auf ihn zu und setzt sich neben ihn. „Was hast du für mich?“, fragt er beiläufig. „Auch schön dich zu sehen“ sagt Bakausky. Dann holt er eine braune Papiertüte aus dem Rucksack. Der Junge blickt in die Tüte und wühlt mit seiner linken Hand darin herum. „Interessiert?“ fragt Bakausky. „Kommt auf den Preis an.“ antwortet sein Gesprächspartner. „Für 50 Euro gehören sie dir“ – „Scheiße, dass sind gerade Mal vier Packungen.“ - „Das ist pharmazeutische Qualität direkt vom Hersteller in Deutschland.“ - „Ich krieg die nicht zu dem Preis los. Ich muss auch noch was verdienen. Für 30 würde ich sie nehmen.“ - „40 Euro. Letztes Angebot.“ - „Gut.“, der Junge packt die Papiertüte in seine Tragetasche und holt zwei Geldscheine aus der Hose. „Hast du noch mehr davon?“ fragt er interessiert.
Wieder in der Wohnung öffnet Milestone den Umschlag aus dem Tresor und verteilt den Inhalt auf dem Küchentisch. In ihm befinden sich mehrere Zip-Beutel. Es gibt welche mit verschieden farbigen Pulvern, bunten Pillen, Haschischkrümeln und Grasblüten. Mit einem Buttermesser öffnet er die Diele des Küchenbodens und legt die Beutel fein säuberlich in den sich darunter befindenden Hohlraum.

...wird fortgesetzt...