Stadteilbesuch

Matt S. Bakausky
Matt S. Bakausky

Über der Grünfläche hängen tibetische Fahnen.  Einen Block weiter ist ein Handtuch bedruckt mit Winnie Puh im Fenster einer Wohnung zu sehen. Gestern sah ich einen Mann, der Plastiktüten über seine Hände und Schuhe befestigt hatte und mit einer Spitzhacke zielgerichtet erst in die eine Richtung, dann wieder zurücklief. Ob Gärtner oder Serienmörder, das kann ich nicht sagen. Keine auffälligen Flecken, also doch eher Gärtner als Mörder.

Das Radio im kleinen Garten ist mittlerweile verschwunden, was bleibt ist eine kleine Schnapsflasche und eine Plastiktüte. Die Welt bewegt sich. Ich bekomme nicht viel davon mit, jedoch ein wenig schon.

Spaziere einen Hund Tag und Nacht durch die Gegend, Gassi gehen mit dem Raucherhund, unangeleint. Sehe Personen mit echten Hunden, jedoch erkenne ich sie nicht wieder. Bis auf den Jungen mit dem Pudel, der immer so böse schaut. Sonst scheint es eine endlose Zahl an Hundebesitzern zu geben, die nach nicht nachvollziehbaren Takt die Häuserblöcke ablaufen.

Auf einem Zeitungsplakat steht, dass über 100 Katzen in einer kleinen Wohnung gefunden worden sind. In meiner Wohnung hatte bisher nur ein Kater Platz. Unvorstellbar.

Krähen, Spatzen und Tauben bevölkern die Gegend. Eine Brücke führt in den nächsten Stadtteil. Dort gibt es Zigarettenautomaten, die EC-Karten akzeptieren. Ein Spaziergang an der frischen Luft lohnt sich.

Irgendwann wird mir klar, dass ich hier niemanden kenne und ich somit den Menschen unbekannt bin. Ich frage mich, ob ich dennoch ein bekanntes Gesicht bin. So wie ich mir nur auffällige Menschen merken kann, merken sich die Nachbarn vielleicht meine auffällige Art.

Ich kenne den Typen, der immer an der Kneipe, dem Bäcker und dem Döner steht, als hätte er sonst nichts zu tun. Ich kenne die Frau, die mit einer Krücke hin und her lauft und mich manchmal grüßt. Ich kenne den Fahrradfahrer, der mich einmal beschimpft hat, ob ich taub wäre, weil ich ohne ihn zu bemerken über die Straße ging.

Meine einzigen Freunde sind die Dönerverkäufer und der Mann aus dem Internetcafé-Späti. Sie nennen mich Bruder oder Chef, je nach Temperatur.

Auf einer Wiese steht ein zerlegtes Sofa. Der Recyclinghof ist gleich ein paar Kilometer entfernt, doch anscheinend zu weit. Die Welt bewegt sich. Möbel bewegen sich, Hunde, Vögel und ich bewegen sich. Und ich frage mich, ob das irgendwas mit mir zu tun hat.

Tagebuch