Waschsalon des Lebens

Matt S. Bakausky
Matt S. Bakausky

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Eine junge Frau vor dem Waschsalon beobachtet mich, wie ich das Waschmittel in die Maschinen fülle. Ich schaue sie an, sie lächelt. Ich blicke neugierig auf und wieder auf das Gerät. Als ich die Waschmaschine starte, ist sie weiter gelaufen.

Aus den Kopfhörern spielt es „Deichkind“ und es singt über „Money ist Fame, Money ist wichtig“. Heute habe ich schon einen Zehner in die zentrale Steuerung des Waschsalons geschmissen. Noch eine Limonade am Automaten und auch das Rückgeld ist verschwunden. Doch „Gewinne, gewinne, gewinne“ (Deichkind) ich so viel durch den Waschsalon. Die Limonade schmeckt süß nach Frucht.

Die Wolken ziehen vorbei. Durch ein paar Lücken strahlt die Sonne durch. Ein junger Mann betrachtet mich im Schaufenster. Er will etwas, er hat es nötig, einen Plan. Ich ignoriere ihn und er zieht langsam weiter. Die Wolken wirken als wären sie fast statisch und doch bewegen sie sich langsam. Die Lücke des Lichts ist verschwunden. „Eigentlich würde ich dem da drüben etwas geben, aber löst das wirklich sein Problem?“, sagt Deichkind.

Draußen die Menschen in Schläfrigkeit. Ich laufe schnell im Waschsalon auf und ab, um nicht einzuschlafen, so wie sie. Eine Taube pickt wach auf der Straße. Ich freue mich so zu sehen. Tiere schlafen, wenn sie schlafen und sind wach, wenn sie wach sind. Der Waschsalon hat von 6 Uhr bis 22 Uhr geöffnet.

Die Sonne strahlt auf die Wolkenränder. Draußen fährt ein Lkw-Fahrer vorbei, ich beobachte ihn wie er auf sein Handy blickt und auf die an der Ampel stehenden Autos zufährt. Er fährt weiter. Dann hält er langsam an. Die Luft draußen ist frisch. Zeit für einen Fischerfreund für die innere Frische. Auf sein Handy blickend, läuft ein junger Mann auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ich möchte ihn zurufen, doch ich sitze schon wieder auf dem Plastikstuhl im Salon.

Es liegen hellgrüne Flyer für den ein paar Kilometer entfernten Testcenter auf der Ablage. Gegenüber sehe ich den hellblauen Testcenter stehen. Ein Mann betritt den Waschsalon, sagt Grüße. Ich setze meine Maske auf. Er wirft Geld in die Zentrale und beginnt zu telefonieren. Deichkind fragt „Wer sagt denn das?“ während die Sonne zu blenden beginnt. Die Maschinen sind fertig.

Ein alter Mann kommt in den Salon mit verpackten Essen. Er sieht aus als wäre er viel unterwegs.  Er setzt sich in die Sonne auf meinen Platz. Ich frage ihn, ob ich ihm Platz machen soll. Er sagt „Genug Platz hier, mehr Platz als im Paradies“. Ich könnte heulen vor Liebe. Endlich ein Mensch mit Humor, nicht mehr alleine. Ich wünsche einen guten Appetit. Er sagt nichts und beginnt zu essen.

Ich schaue wieder zu dem alten Mann. Er sagt "Fertig?" und ich antworte "Die Maschine ist fertig, jetzt muss ich noch die Wäsche einpacken". "Ja, muss", sagt er. Ich verstehe und sage: "Ja, man muss nicht". Aber vielleicht verstehe ich ihn nicht, den weisen Mann.

Ich mache eine Pause vom Zusammenpacken und nehme mir Zeit für den Mann. Frage ihn, ob er irgendetwas braucht für Gesundheit. Er erzählt mir, dass er im Krankenhaus war wegen Diabetes. Nichts würde helfen, überall sei Zucker drin heutzutage. Im Krankenhaus wussten sie auch nicht weiter, fünfmal hoch, einmal unten trotz spezieller Ernährung. Das ist nun mal so.

Ich fühle mich schlecht, mache weiter mit dem Einräumen, um mich abzulenken von der Realität des Lebens in einem Körper - taube Finger und weitere Symptome bei Diabetes. Es kommt einfach, wenn es kommt. Ich sage, wenigstens ist die Sonne heute draußen und er sagt, dass es kalt ist. Ja, stimmt, sage ich. Weitermachen. Weitere verpacken. Und irgendwann verabschiedet er sich und zieht weiter - ich hatte nur darauf gewartet, so jemanden kann man nicht festhalten, selbst mit einem Gespräch nicht.

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